Wenn man Toni Kieser heute in seinem Garten stehen sieht, zwischen Apfelbäumen, Reben und knapp hundert Tomatenpflanzen, ist kaum zu glauben, dass alles mit drei Sorten angefangen hat: ein paar Cocktailtomaten, Pelati und eine Handvoll „normale“.
Damals, vor über 20 Jahren, wusste Toni noch nicht, was daraus werden würde. Heute spricht er ruhig, fast sachlich, wenn er über seine Paradeiser erzählt – aber zwischen den Sätzen spürt man, was das ist: Eine gewachsene Leidenschaft, tief verwurzelt in Boden, Wissen und Geduld.
Kein Projekt – ein Prozess
„Es war ein Zufall“,
sagt Toni. Die ersten Samen bekam er auf dem Bauernmarkt – nicht aus dem Supermarkt, denn: „Was da verkauft wird, ist oft Hybrid. Die kann man nicht weitervermehren.“ Und das war von Anfang an klar: Es geht ums Sammeln, Pflegen, Weitergeben – nicht ums Vermarkten.
Heute wachsen bei Toni Tomaten aus der ganzen Welt: Argentinische Wildtomaten, Zitronen-Tomaten, schwarze Sorten wie „Indigo Rose“, gerippte aus Amalfi, samtige aus Nepal – von erbsengroß bis 1,4 Kilo schwer. Rund 100 Sorten pflanzt er jedes Jahr an, alle samenfest, alle mit Charakter. Manche süß, andere säuerlich, viele mit Namen, die wie Kurzgeschichten klingen: Feuerwerk. Imolese. Zuckertraube.
Vom Wohnzimmer ins Freiland
Die Arbeit beginnt im März, wenn Toni mit dem Sammeln und Vorziehen startet. Zwei bis drei Samen pro Sorte legt er in kleine beschriftete Töpfchen – „die keimen alle“, sagt er zufrieden und selbstverständlich. Zuerst stehen sie im Wohnzimmer, dann geht’s ins Frühbeet, später ins Freiland.
Aber nur, wenn’s keinen Frost mehr gibt.
„Tomaten sind empfindlich. Moosfrost oder kalte Erde – das vertragen sie nicht.“
Mitte Mai dürfen sie raus. Dann sind sie etwa 25 cm hoch, gesund, kräftig – und bereit für das, was Toni „ihre Lebensreise“ nennt.
Handarbeit mit System
„Die Tomate braucht viel“, sagt Toni. Viel Licht, viel Nährstoffe – aber kein Wasser von oben. Deshalb hat er seine Anlage mit einem transparenten Dach versehen, das Licht durchlässt, aber Regen und Tau-nässe abhält. Bewässert wird mit Tropfschlauch, damit Blätter und Früchte trocken bleiben – das schützt vor Pilzkrankheiten.
Seine Pflanzen werden einzeln entgeizt – also von überflüssigen Trieben befreit – und an die hängenden Seile der selbstgebauten Anlage geführt, wo sie sich emporrankt. Die Erde wird gepflegt und kontrolliert gedüngt. Geerntet wird von Hand – oft mit der „Loan“ Apfelernte-Leiter, denn manche Stöcke wachsen bis zu sechs Meter hoch.
„Je weniger Wasser, desto mehr Geschmack“, sagt Toni. Und genau das ist das Ziel: nicht Masse, sondern Aroma. Die kleinen Sorten sind meist intensiver, die großen oft fleischiger.
„Aber jede hat ihre Zeit. Und jede zeigt dir, wie du mit ihr umgehen musst.“
Der Mann und der Kaiser
Einen seiner stärksten Impulse bekam Toni beim Besuch im Garten von Erich & Priska Stekovics im Burgenland – ein Ort, an dem über 3.000 Paradeisersorten katalogisiert und dokumentiert sind. Nicht alle wachsen gleichzeitig im Garten, aber die Vielfalt ist spürbar.
„Er hat Führungen gegeben, erzählt, wie jede Sorte lebt. Da hab ich gemerkt: Das ist mehr als Garten. Das ist Haltung.“
Seitdem sammelt Toni weiter – nicht systematisch, sondern aus dem Bauch heraus. Was ihm begegnet, wird ausprobiert. Was gelingt, bleibt. Was sich nicht bewährt, kommt weg. „Ich hab keinen Plan – aber ich hab Prinzipien.“
Was bleibt
Toni Kieser ist Landwirt, kein Romantiker. Er weiß, wie viel Arbeit in einer guten Tomate steckt – aber er weiß auch, was sie zurückgibt. Vielfalt. Charakter. Und manchmal: Überraschung.
Aber wer ihn kennt – oder ihm begegnet – bekommt vielleicht ein paar Früchte mit auf den Weg. Oder ein paar getrocknete Samen in einem kleinen Briefumschlag, handbeschriftet mit Sortennamen, die fast wie Gedichte klingen.
Denn wie Toni sagt:
„Du musst der Pflanze geben, was sie braucht. Und dann bekommst du, was du nie erwartet hättest.“
(Interview Erica Furini)
August 2025
Anton Kieser
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