In Tramin wird vieles kultiviert: Trauben, Apfelbäume – und eine gewisse Gelassenheit, wenn der Alltag mal wieder ein bisschen zu laut wird. Und dann gibt es da noch Philipp Micheli. Der sammelt etwas, das man im Dorf nicht in Flaschen füllen kann: Bergerlebnisse.
Philipp ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer. Einer, der Ruhe ausstrahlt, während andere gerade überlegen, ob Umkehren vielleicht doch die bessere Idee wäre.
Dabei fängt seine Geschichte gar nicht dramatisch an. Philipp ist im Weindorf Tramin aufgewachsen. Heute ist er 33 Jahre alt und, wie er selbst sagt „seit ich denken kann in den Bergen unterwegs“. Nach Ausbildungen, Reisen und vielen Tagen zwischen Felsen und Schnee kam er immer wieder zurück. Heute ist Tramin erneut sein Lebensmittelpunkt. Vielleicht gerade deshalb, weil hier beides möglich ist: die Ruhe des Dorfes – und die Nähe zu den Bergen.
Philipp versteht sich als vielseitiger Bergführer. Er begleitet Menschen beim Klettern, auf Skitouren und Hochtouren – von klassischen Dolomitenzielen bis zu mehrtägigen Skitourenreisen.
Was ihn antreibt, klingt unspektakulär – und ist gerade deshalb glaubwürdig: er möchte „eine gute Zeit in den Bergen“ haben und „interessante Menschen kennenlernen“. Wichtig ist ihm dabei vor allem eines: das Bergerlebnis – und die sichere Rückkehr.
Sicherheit bedeutet für ihn Aufmerksamkeit. Er erklärt die Ausrüstung, beobachtet die Bewegungen der Gäste und greift ein, bevor Unsicherheit zu Angst wird. Kleine technische Hinweise, ruhige Anweisungen, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Wenn ich vorausgehe, zeige ich Bewegungen anschaulich vor und bereite die Gruppe auf technische Schlüsselstellen vor.“ Dabei geht es nie darum, jemanden zu drängen. Sondern darum, Menschen langsam an etwas heranzuführen, das sie sich vielleicht zuerst nicht zugetraut hätten.
Besonders die Ausgesetztheit beschäftigt viele. Das Gefühl, plötzlich über dem Tal zu stehen, den Fels unter den Händen und viel Luft unter den Füßen zu haben. Philipp sagt:
„Man darf sich von der Ausgesetztheit nicht überwältigen lassen, sondern sich auf die Bewegung konzentrieren.“
Schritt für Schritt.
Griff für Griff.
Und manchmal, wenn man an einem sicheren Platz steht und kurz innehält, passiert etwas Unerwartetes:
Die Angst wird kleiner.
Und das Staunen größer.
„Dann kann man die Ausgesetztheit sogar genießen.“
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Philipp diesen Beruf gewählt hat. Nicht wegen der Gipfelbilder. Sondern wegen der Menschen. „Es ist schön, Leuten Erlebnisse zu ermöglichen, die sie vielleicht noch nie hatten.“ Oft sind es genau jene Momente, die Menschen lange in Erinnerung behalten.
Vor allem Klettersteige sieht er als besonderen Zugang zum Berg: Sportlich, direkt und intensiv – irgendwo zwischen Wandern und Klettern. Ohne komplizierte Technik, aber mit genug Herausforderung, um über sich selbst hinauszuwachsen.
Gemeinsam mit dem Tourismusverein Tramin begleitet Philipp bis Ende Juni und dann wieder ab September jeden Mittwoch geführte Klettersteigtouren
Die jeweilige Route definiert er bereits im Vorfeld – abgestimmt auf Jahreszeit, Bedingungen und Charakter der Tour. Denn kein Bergtag ist gleich. Und keine Gruppe auch.
Mal führt der Weg durch enge Schluchten, mal entlang ausgesetzter Wände mit weitem Blick über das Tal. Immer aber geht es darum, dass sich alle wohlfühlen – und mit einem guten Gefühl zurückkommen.
Am Berg fallen oft dieselben Sätze. „Wir sind gleich da.“ Philipp lacht darüber. Nicht, weil es immer stimmt. Sondern weil Motivation manchmal genauso wichtig ist wie Kondition. Aber eines ist ihm wichtig: Menschen sollen sich nicht mit Bergführern vergleichen. „Man darf nicht vergessen, dass manche 200 Tage im Jahr in den Bergen unterwegs sind.“ Es geht nicht darum, besonders stark zu sein. Sondern offen zu bleiben. Für Bewegung, Höhe und neue Erfahrungen.
Und weil Klettersteige zwar nach Freiheit aussehen, ohne Struktur aber schnell chaotisch werden, sind die Regeln angenehm klar: Maximal sechs Teilnehmende, Handschuhe, feste Schuhe, Wetterkleidung, Wasser – und eine Klettersteigausrüstung, die nicht älter als zehn Jahre ist. Das klingt im ersten Moment vielleicht streng, schafft aber genau das, was am Berg wichtig ist: Sicherheit, Vertrauen und ein gutes Gefühl.
Wer Tramin sonst über Wein und Genuss entdeckt, entdeckt es mit Philipp über die Perspektive: Plötzlich liegt das Tal nicht mehr „um uns herum“, sondern unter uns. Und manchmal ist genau das der Moment, in dem Menschen still werden – nicht aus Angst, sondern aus Staunen.
Wer mit Philipp Micheli unterwegs ist, nimmt meist mehr mit nach Hause als nur ein Gipfelfoto.
Vielleicht ein kleines Erfolgserlebnis. Vielleicht mehr Vertrauen in sich selbst.
Oder einfach den Moment, an dem man innehält, hinunterschaut – und plötzlich merkt, dass Angst und Freiheit manchmal näher beieinanderliegen, als man denkt.
Und genau darum geht es wohl am Berg. Nicht darum, immer höher hinaus zu müssen.
Sondern näher zu sich selbst.
(Interview Erica Furini)
Mai 2026
Philipp Micheli – Staatlich geprüfter Berg- und Skiführer
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