In der Traminer Brennerei Roner duftet es nach reifem Obst und edlen Destillaten. Mit strahlenden Augen schenkt Karin Roner einem Besucher ein Gläschen ihres Gewürztraminer-Grappas ein – jenes Tropfen, der bei den World Drinks Awards 2025 in London zum besten Grappa der Welt gekürt wurde. Die Geschäftsführerin der Traditionsbrennerei führt den Familienbetrieb in dritter Generation mit viel Herzblut und Innovationsgeist. Ihre Mission: Die Essenz ihrer Heimat Tramin in hochwertigen Spirituosen einzufangen und mit der Welt zu teilen.
„Mein Kindergarten war die Brennerei.“
Schon als Dreijährige griff Karin Roner – aus Versehen und zum Schrecken des Großvaters – nicht nach Wasser, sondern nach dem ersten Schluck Schnaps. Aufgewachsen zwischen Kupferkesseln und Obstgärten, war der Weg fast vorgezeichnet.
Doch auch wenn der Weg fast vorgezeichnet war, hätte sie beinahe Architektur studiert. Schließlich aber trat sie aus Überzeugung als ältere von zwei Schwestern in die Fußstapfen von Vater und Großvater und übernahm 2007 im Alter von 42 Jahren die Geschäftsführung der Brennerei Roner. Seitdem beweist sie, dass sich Tradition und weibliche Führungsstärke hervorragend ergänzen – keine andere Brennerei in Italien hat in den letzten Jahren mehr Auszeichnungen für ihre Destillate eingeheimst.
Weltmeisterin aus Tramin
Die jüngste Auszeichnung in London markiert einen Höhepunkt: Best Gold Weltmeister für den Grappa Gewürztraminer Riserva. Ein Grappa, der nach Jahren in Barriquefässern eine Tiefe und Eleganz entfaltet – und seinesgleichen sucht.
„Besonders schön ist das, weil man uns traditionell mit Obstbränden verbindet – weniger mit Grappa. Damit haben wir gezeigt: Auch in Südtirol, in der Wiege des Gewürztraminer, können wir Weltklasse.“
Doch genauso wichtig sind ihr die jungen, klaren Grappas: brillant, frisch, direkt. Edelstahl statt Barrique.
Weibliche Handschrift
In einer männerdominierten Branche seinen Platz zu behaupten, war kein Selbstläufer. Karin Roner setzte auf ihren eigenen Stil – und gewann Respekt. Eine Anekdote erzählt sie mit einem Schmunzeln: Ein Anrufer hielt sie nach einem langen Gespräch für die Sekretärin und bat schließlich um den Chef. Ihre Antwort: „Dann müssen Sie bitte in einer anderen Firma anrufen – hier sind Sie schon ganz oben.“
Diese Mischung aus Humor, Selbstvertrauen und Klarheit prägt auch ihre Entscheidungen. Beim letzten großen Umbau der Brennerei schuf sie Räume, die Wärme und Eleganz zugleich ausstrahlen. Besucher spüren sofort: Hier steckt eine weibliche Handschrift – spürbar, einladend, unverwechselbar. Führung zeigt sich aber nicht nur in Gestaltung, sondern auch in schwierigen Zeiten.
Krisen meistern – mit Weitsicht
Krisen gehören zum Unternehmertum wie Ernten zum Jahreslauf. Karin Roner aber versteht es, sie abzufedern. Ihre Strategie: nie alles auf ein einziges Standbein setzen. „Wir müssen so aufgestellt sein, dass ein Segment nie das Ganze ins Wanken bringt.“ Dieses Denken hat die Brennerei durch schwierige Jahre getragen – nicht zuletzt während der Corona-Pandemie, als sie die Produktion kurzerhand auf Desinfektionsmittel umstellte. Für sie war das keine Notlösung, sondern Ausdruck von Verantwortung: für die Mitarbeiter, für die Region, für die Gesellschaft. Weitsicht, Pragmatismus und der Mut zu ungewöhnlichen Wegen – so bleibt die Substanz bewahrt, auch wenn das Umfeld unsicher ist.
Kraftquellen
Trotz unermüdlichem Einsatz kennt sie die Bedeutung von Auszeiten. Energie tankt sie auf unterschiedliche Weise: bei Spaziergängen durch die Weinberge, beim Spielen mit den Enkelkindern im Sandkasten, bei der Gartenarbeit – oder beim Bügeln. „Niemand glaubt es mir, aber dabei schalte ich wirklich ab. Und manchmal kommen mir dabei die besten Ideen.“
Diese Balance zwischen persönlicher Ruhe und gemeinschaftlicher Stärke prägt auch den Umgang mit Familie und Mitarbeitern.
Familie, Mitarbeiter, Dorf
Was die Brennerei trägt, ist weit mehr als Kupfer und Holz. Es ist ein Netz aus Menschen, Beziehungen, Verbindlichkeiten. Die vierte Generation ist bereits eingebunden, Übergaben sind geregelt, Leitlinien geschrieben. Doch Karin weiß: Papier allein macht keinen Erfolg. „Allein kann ich nichts erreichen. Jeder Mitarbeiter ist ein Glied der Kette – und nur wenn alle zusammenhalten, läuft es.“
Dieses Miteinander spürt man in Tramin. Viele Mitarbeiter stehen seit Jahrzehnten im Betrieb, bringen nicht nur Arbeitskraft, sondern Ideen, Leidenschaft und Verantwortung ein. Für Karin sind sie das Herz des Unternehmens. „Vielleicht sind wir Südtiroler manchmal umständlicher“, sagt sie schmunzelnd, „aber wir haben mehr Biss.“ Genau dieser Biss, verbunden mit Treue und Verlässlichkeit, ist für sie ein wichtiges Kapital des Hauses.
So ist die Brennerei in Tramin nicht einfach ein Unternehmen, sondern ein lebendiges Geflecht aus Menschen, Beziehungen und Vertrauen. Fest verwurzelt im Dorf, eng verbunden mit Vereinen und Nachbarschaft, spiegelt sie eine Kultur wider, die weit über ihre Produkte hinausreicht.
Sich treu bleiben
Für Karin Roner bedeutet Innovation nicht, sich neu zu erfinden. Sondern sich zu verändern, ohne die eigenen Wurzeln zu verleugnen. „An Traditionen festhalten, aber offen für Neues bleiben – ohne sich selbst aufzugeben. Sich selbst treu bleiben – das ist unser Weg.“
Brennkunst ist für sie nicht nur Handwerk. Es ist Überzeugung, Lebensphilosophie und Leidenschaft.
(Text von Erica Furini)
Oktober 2025
Karin Roner – Roner AG Brennereien
Zallingerstraße 44
39040 Tramin
info@roner.com
+39 0471 864000
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