Südtirol

Veronika Widmann

Zwischen Weinbergen, Weltcup und der perfekten Linie

Wenn man in Tramin auf einen Hang schaut, sieht man meistens Weinberge. Reben, Wege, Landschaft. Vielleicht den Blick ins Tal. Veronika Widmann sieht etwas anderes.

Sie sieht Linien. Bewegungen. Möglichkeiten. Wo andere einen steilen Waldweg erkennen, liest sie Kurven, Boden, Geschwindigkeit und Rhythmus. Denn für sie ist ein Hang nicht nur Landschaft – er ist ein Gelände, das verstanden werden will.

Veronika Widmann gehört zu den erfolgreichsten italienischen Athletinnen im Downhill-Mountainbike. Seit 2015 fährt sie im Weltcup, gewann italienische Meistertitel, Europameisterschaftsmedaillen und stand 2019 als Dritte der Weltcup-Gesamtwertung ganz oben in der internationalen Spitze. Auf dem Papier liest sich ihre Karriere wie eine Liste großer Erfolge.

Aber wer mit ihr spricht, merkt schnell: Die spannendere Geschichte steht auf keiner Ergebnisliste. Sie liegt irgendwo zwischen Mut und Ruhe, zwischen Geschwindigkeit und Geduld – und in der Art, wie Veronika ihren eigenen Weg gegangen ist.

Zwischen Äpfeln, Gewürztraminer und Mountainbike

Aufgewachsen ist Veronika in Tramin – in einer Landwirtschaftsfamilie. Ihre Eltern führten einen Hof mit Äpfeln und Gewürztraminer, den inzwischen ihr Bruder übernommen hat. Natur war für sie nie etwas, das man am Wochenende besucht. Sie war einfach da.

„Ich bin schon als Kind sehr naturverbunden aufgewachsen“, erzählt sie.

Sport spielte früh eine große Rolle. Mit zwölf Jahren begann sie Mountainbike zu fahren – zuerst Cross Country. Es ging bergauf, bergab, um Kondition und Technik. Doch eines faszinierte sie mehr als alles andere. Die Abfahrt.

Das Gefühl, das Rad zu kontrollieren. Entscheidungen in Sekundenbruchteilen zu treffen. Einen Weg zu finden, wo andere vielleicht keinen sehen.

„Das Technische daran hat mir am meisten getaugt.“

Irgendwann verändert sich der Blick. Man sieht einen Weg nicht mehr einfach als Weg. Man sieht die Linie.

 

Ein schneller Sport, der im Kopf beginnt

Downhill sieht von außen wild aus. Staub. Sprünge. Geschwindigkeit. Risiko. Fast ein bisschen verrückt. Und ja – spektakulär ist dieser Sport. Aber das Bild täuscht.

„In Wirklichkeit ist viel mehr Vorbereitung dahinter, als man von außen sieht“, sagt Veronika.

Bevor sie bei einem Rennen am Start steht, ist die Strecke längst in ihrem Kopf. Zuerst kommt der Track Walk: Die Fahrerinnen gehen die gesamte Strecke zu Fuß ab. Jede Kurve wird angeschaut. Jeder Stein. Jede Linie. Dann kommen Training, Abstimmung, Wiederholungen.

„Vor dem Rennen habe ich die ganze Strecke in meinem Kopf. Ich weiß genau, wo ich hin muss, wo ich meine Reifen hinlegen muss.“

Fast wie ein Film, der abgespielt wird. Downhill ist also nicht einfach loslassen. Es ist Konzentration. Vorbereitung. Kontrolle. Es ist die Kunst, Kontrolle zu haben – und trotzdem frei zu fahren.

Vom Traum zum Beruf

Dass sie einmal Profisportlerin wird, hätte Veronika früher selbst nicht unbedingt gedacht. Nach der Matura ging sie nach Innsbruck und absolvierte die Ausbildung zur Krankenpflegerin. Der Sport lief weiter – aber die Entscheidung, alles auf Downhill zu setzen, kam erst später. Vielleicht war genau das richtig. Weil dieser Weg nicht geplant war. Er ist gewachsen.

„Es war nie ein großes Ziel, das von Anfang an feststand. Es ist Schritt für Schritt entstanden – aus der Freude am Fahren.“

Ihre Eltern ließen ihr dabei vor allem eines: Freiheit. Kein Druck. Keine Erwartungen. Sie durfte ihren Weg selbst finden. Und vielleicht ist genau das bis heute geblieben. Veronika fährt nicht, um jemandem etwas zu beweisen. Sie fährt, weil es ihr Weg ist.

Erfolg, Erfahrung – und trotzdem am Boden bleiben

Seit vielen Jahren fährt Veronika auf höchstem internationalem Niveau. Sie kennt Weltcup-Strecken, Druck und den Unterschied zwischen wenigen Hundertstelsekunden. Hat Erfolg sie verändert?

„Dankbar bin ich auf jeden Fall. Mir ist bewusst, dass ich ein großartiges Leben habe.“ Aber gleichzeitig weiß sie: Im Spitzensport beginnt man jeden Tag wieder neu.

„Man muss sich jeden Tag wieder pushen, um mit dem Niveau mithalten zu können.“

Heute hilft ihr dabei vor allem eines: Erfahrung. Nach mehr als zehn Jahren im Weltcup kennt sie ihren Sport – aber auch sich selbst besser.

„Ich kann mich auf meine Erfahrung verlassen. Und viel auf mein Gefühl.“

Veronika Widmann

Veronika Widmann - (c) Veronika Widmann (7)

Tramin: der Ort zum Zurückkommen

Die Rennen führen sie um die ganze Welt. Trainingslager, Teams, neue Strecken, neue Herausforderungen. Doch irgendwann kommt immer wieder der Moment: zurück nach Hause. Zurück nach Tramin.

„Ich bin eigentlich ein sehr bodenständiger Mensch. Mir gefallen die einfachen Dinge.“ 

Nach Rennen und Reisen sucht sie nicht den Trubel. Sondern Ruhe. Natur. Zuhause.

„Wenn ich nach den Rennen heimkomme, genieße ich die Ruhe. Das gibt mir Kraft.“ 

Zwischen Weinbergen, Bergen und vertrauten Wegen lädt sie die Batterien wieder auf.

Fallen, aufstehen, weiterfahren

Natürlich gehören Stürze zu einem Sport wie Downhill dazu. Aber vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Lektionen. Nicht nie zu fallen. Sondern wieder aufzustehen.

„Wichtig ist, dass man nach einem Sturz wieder aufsteht und weitermacht.“

Dabei geht es nicht nur um den Körper. Auch der Kopf muss zurückkommen. Veronika arbeitet deshalb auch mental an ihrem Sport. Angst sieht sie nicht als Gegner. Sondern als etwas, das man verstehen muss.

„Man lernt sehr viel über sich selbst.“

Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung: Nicht nur schneller zu werden. Sondern sich selbst besser kennenzulernen.

Ein Vorbild – ohne es laut sein zu wollen

Veronika sucht nicht das Rampenlicht. Sie sagt selbst, dass ihr Aufmerksamkeit manchmal fast unangenehm ist. Sie fährt nicht für Applaus. Sie fährt, weil es ihr Weg ist.

„Ich mache das für mich. Um mich weiterzuentwickeln.“

Und trotzdem weiß sie, dass ihre Geschichte anderen Mut machen kann – besonders jungen Mädchen.

„Wenn man einen Traum hat, muss man daran glauben.“

Dass man seinen eigenen Weg gehen darf. Dass man nicht immer den klassischen Vorstellungen folgen muss. Dass ein Traum möglich ist, wenn man bereit ist, dafür zu arbeiten.

Der Klapf Trail und die Zukunft des Bikens in Tramin

Dass sich auch in Tramin rund ums Mountainbike etwas bewegt, freut Veronika.

Den neuen Klapf Trail hat sie bereits getestet. Für sie macht einen guten Trail aus, dass er beides verbindet: Technik und Flow.

„Dass man einfach ein gutes Gefühl auf dem Rad hat.“

Denn genau darum geht es am Ende. Nicht nur um Geschwindigkeit. Sondern um das Gefühl.

Was bleibt

Veronika Widmann fährt dort hinunter, wo andere lieber stehen bleiben. Aber vielleicht beschreibt sie nicht der Mut am besten. Sondern die Ruhe davor. Die Vorbereitung. Die Leidenschaft. Die Verbindung zur Natur. Das Vertrauen in sich selbst.

Ihre Geschichte handelt von Geduld. Von Arbeit. Von einer jungen Frau aus Tramin, die zwischen Weinbergen groß geworden ist – und gelernt hat, ihre eigene Linie zu finden. Auf dem Rad. Und im Leben.

(Interview  Erica Furini)
Juli 2026

Nachtrag:

Geschichten wie diese werden manchmal schneller weitererzählt, als man sie schreiben kann. Kurz nach diesem Interview gewann Veronika Widmann am 18. Juli 2026 ihren siebten Italienmeistertitel im Downhill. Der Tourismusverein Tramin gratuliert von Herzen zu diesem großartigen Erfolg und freut sich, eine so sympathische, bodenständige und inspirierende Botschafterin unserer Heimat zu wissen.

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