Wenn Christine Dissertori durch die Obstwiesen von Tramin führt, dann spricht dort keine auswendig gelernte Apfelbotschafterin. Dort erzählt eine Bäuerin, die ihr Leben lang mit der Natur gearbeitet hat. Eine Frau, die weiß, wie sich ein Hagelschauer anfühlt, wie ein reifer Apfel riecht — und wie viel Arbeit, Geduld und Herz dahinterstecken, bis aus einer Blüte ein gesunder Apfel wird.
Christine ist in Tramin aufgewachsen, auf einem Hof, der seit Generationen in Familienhand ist. Sie ist mit der Landwirtschaft groß geworden. „Der Vater hat uns schon als Kinder vermittelt, wie wertvoll die Natur und der Beruf Bauer eigentlich sind“, erzählt sie. Und genau dieses Verständnis begleitet sie bis heute — als Bäuerin, Apfelbotschafterin und mittlerweile auch als ausgebildete Apfelsommelière.
Denn für Christine geht es längst um mehr als nur um Äpfel. Es geht um Verständnis. Um Ehrlichkeit. Und darum, Menschen wieder näherzubringen, was Landwirtschaft eigentlich bedeutet. „Wir Bauern sind gewohnt zu arbeiten — und nicht laut zu reden“, sagt sie mit ruhiger Stimme. „Aber heute muss man den Leuten erklären, was wir tun und warum wir es tun.“
Gerade die Diskussionen rund um den modernen Obstbau hätten ihr gezeigt, wie wichtig der direkte Austausch geworden ist. Deshalb begann sie vor einigen Jahren die Ausbildung zur Apfelbotschafterin. Nicht, um Werbung zu machen. Sondern um Menschen mitzunehmen. Ihnen die Angst zu nehmen. Und zu zeigen, wie viel Wissen, Verantwortung und Liebe hinter einem einzigen Apfel steckt. Wer mit Christine unterwegs ist, merkt schnell: Ihre Führungen sind keine klassischen Fachvorträge. Natürlich geht es um Sorten, Anbau und Ernte. Aber genauso um das Dorfleben, um Geselligkeit, um kleine Geschichten aus Tramin und manchmal auch um Erinnerungen aus früheren Zeiten.
„Eigentlich ist es nie nur eine Apfelführung“, sagt sie und lacht. „Ein bisschen Dorfführung ist immer dabei.“
Dann erzählt sie von der Jakobskirche, von Wanderwegen rund ums Dorf oder von den Menschen, die hier leben. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Bodenständigkeit, Wissen und persönlicher Wärme, die ihre Führungen so besonders macht. Und obwohl Christine mittlerweile die Ausbildung zur Apfelsommelière abgeschlossen hat, wirkt sie dabei kein bisschen abgehoben. Im Gegenteil. Gerade dieses zusätzliche Wissen scheint ihre Begeisterung noch vertieft zu haben.
„Die Leute glauben oft: Ein Apfel ist halt ein Apfel. Aber das stimmt überhaupt nicht.“
Sie spricht über Aromen, Saftigkeit, Konsistenz und darüber, wie unterschiedlich einzelne Sorten schmecken können. Fast wie beim Wein. Gala mit Käse. Granny Smith mit Schokolade. Golden Delicious mit Speck. Dinge, die überraschen — und plötzlich ganz selbstverständlich wirken, sobald man sie probiert. Besonders gerne erinnert sie sich an kleine Verkostungen mit Gästen, bei denen plötzlich Staunen entsteht. „Viele sagen danach: Ich hätte nie gedacht, dass Äpfel so unterschiedlich schmecken können.“
Und manchmal sind es gerade die Kinder, die sie am meisten berühren. Wenn sie begeistert Nützlinge in den Obstwiesen suchen oder bei einer Verkostung mutig in einen säuerlichen Granny Smith beißen.
„Das erstaunt mich immer wieder“, sagt Christine und lächelt. „Kinder lassen sich oft wirklich begeistern.“
Die Arbeit als Apfelbotschafterin ist für sie dabei auch eine willkommene Abwechslung zum Alltag am Hof. Denn obwohl es dort immer genug zu tun gibt, genießt sie den Austausch mit Menschen. „Ich arbeite gerne mit Leuten zusammen. Und ich finde es schön, wenn man dabei auch etwas vermitteln kann — nicht nur über Äpfel, sondern über unsere Kultur, unsere Landschaft und unser Dorf.“
Gerade deshalb bleiben ihre Führungen vielen Gästen lange in Erinnerung. Vielleicht auch, weil Christine nichts inszeniert. Sie spricht ehrlich über Herausforderungen, über Wetter, neue Krankheiten, Bürokratie oder Pflanzenschutz. Offen, ruhig und ohne Ausweichen.
„Wenn wir die Äpfel gar nicht behandeln würden, könnten wir wahrscheinlich im Herbst keine mehr ernten“, erklärt sie sachlich. Gleichzeitig erzählt sie von strengen Kontrollen, Grenzwerten und dem Ziel, so nachhaltig wie möglich zu arbeiten. Nicht belehrend — sondern nachvollziehbar. Und genau das schafft Vertrauen.
Für Christine ist Landwirtschaft kein romantisches Bild und auch kein politisches Schlagwort. Es ist Leben. Jeden Tag. Mit Freude, aber auch mit Verantwortung. „Herausforderungen hat es immer gegeben“, sagt sie. „Und meistens entstehen aus Krisen wieder neue Ideen.“ Trotz aller Veränderungen blickt sie positiv nach vorne. Wichtig sei vor allem, junge Menschen weiterhin für die Landwirtschaft zu begeistern. „Mit Begeisterung allein reicht es aber nicht“, sagt sie ehrlich. „Man muss auch davon leben können.“
Vielleicht macht genau diese Mischung aus Realitätssinn, Wärme und echter Leidenschaft Christine Dissertori so besonders. Sie erzählt nicht von einer perfekten Welt. Sondern von einer echten. Und wer am Ende mit ihr zwischen den Obstwiesen von Tramin steht, einen Apfel verkostet und ihren Geschichten zuhört, versteht plötzlich: In einem Apfel steckt viel mehr als nur Fruchtfleisch. Nämlich Landschaft. Arbeit. Familie. Erinnerung. Und manchmal auch ein kleines Stück Heimat.
(Interview Erica Furini)
Mai 2026
Apfelsommeliére
Christine Dessertori
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