Südtirol
Heini 2-7451 (1) @ Heinrich Malojer - Heinrich von Kastelaz

Heinrich Malojer – Manchmal muss man drei Schritte zurückgehen

Es braucht keinen neuen Ort, um etwas Neues zu entdecken. Manchmal reichen drei Schritte zurück. Heinrich Malojer kennt solche Momente.

„Manchmal gehe ich durch Tramin und mache plötzlich drei oder vier Schritte zurück, weil ich etwas gesehen habe, das mir vorher nie aufgefallen ist.“

Vielleicht beschreibt dieser Satz Heinrich besser als jede Berufsbezeichnung. Denn Fotografieren bedeutet für ihn nicht einfach, eine Kamera auf etwas zu richten. Es bedeutet hinzuschauen – und manchmal eben noch einmal hinzuschauen.

In seinen Bildern wird ein einzelner Baum zum Mittelpunkt einer Landschaft, Wassertropfen auf einem Blatt zu einer kleinen Welt. Und ein Gesicht erzählt plötzlich eine Geschichte, die man beim ersten Blick vielleicht übersehen hätte.

Erste Erfahrungen

Heinrich wuchs unmittelbar am Kalterer See auf. Eine Erinnerung aus seiner Kindheit ist ihm besonders geblieben: Als kleiner Junge ging er hinaus auf den Steg, ließ das Schilf durch seine Finger gleiten und beobachtete, wie sich die aufgehende Sonne in den seichten Wellen spiegelte.

Von Blende, Belichtungszeit oder Bildkomposition wusste er damals noch nichts. Aber vielleicht lernte er dort bereits das Wichtigste: Sehen.

Mit ungefähr zehn Jahren bekam er von seinem Vater seine erste Kamera, eine alte, gebrauchte Agfa Silette. Damals kostete jedes Foto Geld, jeder Film musste entwickelt werden. Später konnte Heinrich mit seinem ersten selbst verdienten Geld seine Leidenschaft selbst finanzieren. Die Kameras veränderten sich, irgendwann kam die digitale Fotografie.

Geblieben ist die Faszination.

Kamera, Schreibblock, Stift

Fotografie ist nicht Heinrichs einzige kreative Ausdrucksform. Schon als Kind malte und schrieb er. In der vierten Klasse schrieb er in einem Aufsatz:

„Der Prinz küsste das Mädchen, sie war so schön wie die Sonne im Morgengrauen.“

Seine Lehrerin war davon so überrascht, dass sie seine Mutter darauf ansprach. Heute erzählt Heinrich die Geschichte mit einem Augenzwinkern: Vielleicht gäbe es einen zweiten J. M. Simmel, hätte man ihn damals ein bisschen mehr unterstützt.

Was Heinrich immer wieder aufs Neue fasziniert: Fotografie hält einen Moment fest, aber manchmal möchte er einen Eindruck auch mit Worten bewahren. Beides ergänzt sich für ihn wunderbar.

Das Schreiben hat ihn jedenfalls nie ganz losgelassen. So kommt es, dass sich Heinrich jedes Jahr für ein oder zwei Wochen auf eine einsame Berghütte zurückzieht. Viel braucht er dort nicht. Kamera. Schreibblock. Stift.

Vielleicht braucht es manchmal genau diese Ruhe, um wieder wahrzunehmen, was im Alltag leicht übersehen wird.

Menschen, wie sie wirklich sind

Besonders wichtig ist Heinrich die Porträtfotografie. Nicht das perfekte Gesicht interessiert ihn, sondern der Mensch dahinter.

Und manchmal entstanden die schönsten Momente gar nicht beim Fotografieren.

Für eine seiner Fotoserien von 2023 holte er Traminer Persönlichkeiten aus ihrem Alltagsgeschehen raus, überredete sie direkt auf der Strasse und lockte sie in sein Kellerstudio. Dort machte er Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Ungeschminkt. Unretuschiert. Echt.

Heinrich sucht dabei nach dem „nicht Alltäglichen und Einzigartigen“ eines Menschen.

Doch während den Vorbereitungen begann einer der Porträtierten plötzlich von früher zu erzählen. Der Ort vor Heinrichs Studio hatte Erinnerungen an seine Kindheit, an Heinrichs Großvater und an das damalige Dorfleben geweckt. Aus einem Fototermin wurde ein Stück Dorfgeschichte. Im Nachhinein dachte Heinrich, er hätte neben die Kamera eigentlich ein Aufnahmegerät stellen sollen.

Auch bei der Glamour- bzw. Aktfotografie geht ihm nicht einfach um den nackten Körper, sondern um Natürlichkeit, Ästhetik und Persönlichkeit. Licht, Schatten, Formen und vor allem das Vertrauen, was bei solchen Aufnahmen eine große Rolle spielt. Ein gutes Aktfoto muss für Heinrich ruhig, sinnlich und beinahe poetisch sein.

„Ich versuche, den Menschen nicht auf seinen Körper zu reduzieren, sondern eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Persönlichkeit und die Schönheit des Augenblicks miteinander verbinden.“

Die kleine Welt ganz groß

Die Natur war immer schon seine große Inspiration – und mit ihr hat auch seine Leidenschaft für die Fotografie begonnen.

An manchen Tagen zieht es ihn hinaus in den Garten. Nach dem morgendlichen Kaffee nimmt Heinrich sein Makroobjektiv und schaut:

„Wo wackelt was, wo seh ich Veränderungen?“

Eine Spinne, eine Heuschrecke, ein Schmetterling, ein Blatt oder ein Tautropfen – Dinge, an denen andere vielleicht vorbeigehen, werden durch seine Kamera plötzlich groß. Und wenn das Motiv auf der anderen Seite des Gartenzauns sitzt, kann es auch vorkommen, dass Heinrich beim Nachbarn landet. Was ein gutes Foto ist, entscheidet für ihn dabei nicht die Technik:

„Das Lieblingsmotiv ist das, was mir etwas später beim Betrachten am Bildschirm ein Lächeln auf die Lippen zaubert.“

Erfolgsgeschichten

„Natürlich freut es mich, wenn meine Bilder öffentlich gezeigt werden. Im Laufe der Jahre durfte ich viele interessante Projekte umsetzen – von Kalendern und Aufnahmen für verschiedene Webseiten bis hin zu Shootings mit Spitzensportlern. Eine Zeit lang begleitete ich auch die regionale Auswahl zur Miss Italia fotografisch.“

Besonders stolz machen ihn aber weniger die Auszeichnungen als die Geschichten, die durch seine Fotos entstanden sind. Geschichten, die die Welt ein klein wenig veränderten, vielleicht etwas besser machten: Eine Apothekenangestellte, die er vor zehn Jahren zu einem Foto-Shooting einlud und dann zur Teilnahme an der Miss-Südtirol-Wahl ermutigt hatte, wurde schließlich Miss Südtirol 2016. Eine andere Frau bekam durch seine veröffentlichten Fotos neue Aufmerksamkeit und wurde später Eisacktaler Törggele-Königin.

Der eigene Blick

Heute entstehen mehr Bilder als je zuvor. Smartphone, Filter und künstliche Intelligenz haben die Fotografie verändert. Heinrich beobachtet diese Entwicklung durchaus kritisch – besonders dort, wo Bilder mit der Wirklichkeit kaum noch etwas zu tun haben. Umso wichtiger bleibt für ihn etwas, das keine Technik ersetzen kann: der eigene Blick.

Nicht möglichst viele Bilder zu machen, sondern etwas zu entdecken. Einen Augenblick festzuhalten, der berührt, Erinnerungen weckt oder einfach Freude macht.

Heinrich meint:

„Oft sehe ich das fertige Foto bereits vorher in meinem Kopf – ähnlich wie bei einem Puzzle, muss am Ende dann alles zusammenpassen.“

Inspiration findet er eigentlich überall: Da kann ein altes verstaubtes Zinngeschirr, eine Taschenuhr und eine alte Brille plötzlich zum Motiv werden. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Licht, Schatten, Formen und Farben müssen zu einem harmonischen Bild zusammenfinden.

Solange ihm das Fotografieren Freude bereitet, möchte Heinrich genau das weitermachen:

„Die Schönheit dieser Welt auf ein Foto einfrieren.“

Und dafür muss man manchmal gar nicht weit reisen. Manchmal reicht ein Garten am Morgen. Ein vertrautes Gesicht. Ein Platz in Tramin.

Oder drei Schritte zurück.

Damit man etwas entdeckt, an dem man beinahe vorbeigegangen wäre.

 

 

(Interview  Erica Furini)
August 2026

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