Umgedacht: Elena Walch

Weil sie vor 30 Jahren alles anders machte, gilt Elena Walch heute als Vorreiterin in der Südtiroler Weinkultur. Ihre Ideen werden mittlerweile von den Töchtern Julia und Karoline weitergesponnen. Ein Besuch im Weingut Elena Walch in Tramin.

Elena Walch

Elena Walch

„Grüne Trauben abzuschneiden und sie zu Boden zu werfen, ist eine Sünde!“ – So in etwa lauteten die Worte, mit denen Elena Walch in ihrem neuen Beruf begrüßt wurde. Sie stammen von einer alten Frau, die sich noch daran erinnert hat, wie sie als Kinder am Ende der Weinlese die verlorenen Trauben vom Boden aufsammeln mussten, um keinen Kern zu verschwenden. Singend versteht sich, damit nichts davon gegessen werden konnte. Das musste der Architektin Elena Walch wohl egal gewesen sein, als sie vor etwas mehr als 30 Jahren in den Betrieb ihres Ehemannes eingestiegen ist. Sie wollte neuen Wind in die Weinsegel blasen und ließ als erstes die traditionelle Vernatschtraube durch Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Sauvignon Blanc ersetzen. Außerdem warf sie das Pergel- Erziehungssystem über Bord und setzte auf innovative Systeme und Einzellagen, die die Qualität des Endprodukts steigern sollten. Nicht umsonst beschreibt Tochter Julia ihre Mutter als selbstsichere und energische Frau, die weiß, was sie will und dies auch durchsetzt. Gemeinsam mit ihrer Schwester Karoline führt die junge Frau seit knapp fünf Jahren selbst durch die tiefen Keller des Weinguts und gibt ihr Wissen über Geschichte und Zukunft der Weine zum Besten. „Unsere Familie ist vor 150 Jahren aus Vorarlberg nach Tramin gezogen. Damals waren sie noch Schnapsbrenner“, erzählt sie und zeigt auf ihr rot-gelbes Haus, das mitten im Dorfzentrum von Tramin steht. Bevor es in Besitz der Familie landete, war es wohl ein Jesuitenkloster. Wein hat man schon damals im tiefen Keller produziert.

Julia Walch

Julia Walch

Als erstes führt Julia in den Barrique Keller der Weißweine. Jedem Dorf, das damals in Verbindung mit dem Weingut stand, wurde hier ein eigenes Fass gewidmet. Die handgeschnitzten, zierenden Fronten mit den jeweiligen Dorfnamen sind heute noch auf den Holzfässern zu sehen. Exemplarisch streicht Julia mit ihrer linken Hand darüber und erzählt, wie sie über Umwege schließlich doch im Familienbetrieb gelandet ist. Studiert hat die junge Frau eigentlich Geschichte in Frankreich und schließlich Europäische Studien in Brüssel. „Irgendwann ist man dann aber so alt, dass man sich entscheiden muss: Ganz hinein in die Weinwelt oder ganz hinaus“, erklärt Julia. Also ergänzte sie ihre Studien mit Weinbau im französischen Dijon und arbeitete ein halbes Jahr auf einem Weingut in Bordeaux. Nicht umsonst hat sie heute auf jede den Weinbau betreffende Frage die richtige Antwort.

 „Man muss immer einen Schritt voraus sein und nicht erst reagieren,
wenn es zu spät ist“

Durch eine kleine Kellertür im nächsten Haus geht es einen weiteren Stock tiefer. Hier steht man direkt vor Fässern, die so groß sind, dass sie die Kamera fürs Foto kaum fassen kann. Weil es früher eigentlich nicht üblich war, Kellerführungen zu veranstalten, hat man auch kein Geld in den Keller gesteckt. Später änderte sich diese Manier jedoch. Die riesigen Fässer-Fronten ließ man dann sogar extra für den Keller produzieren. Auf einem der Holzschnitte ist Julias Großvater zu erkennen. Ein anderer wurde vor 100 Jahren den wichtigsten Abnehmern gewidmet. Dazu zählten Österreich, Deutschland und die Schweiz. Heute werden die Weine der Familie in 50 verschiedene Länder exportiert. 50 % des Absatzes bleibt jedoch in Italien, wo vor allem der Gewürztraminer eine gefragte Sorte ist. „Unser Gewürztraminer wächst auf dem Hügel von Kastelaz. Einem der wenigen Südhügel im Süden Südtirols“, erklärt Julia.

reich verzierte Fässer

reich verzierte Fässer

Obwohl die ersten Frühlingstage draußen die Luft bereits erwärmen, ist es im Keller kühl. Das liegt daran, dass das Haus der Walchs ebenso auf einem Hügel steht und die Keller in den Untergrund gebaut wurden. Die selezione-Weine reifen hier für vier Monate. Vorbei an einem 180 Hektoliter Fass, geht es noch einen Stock tiefer. Über 50 Jahre lang müsste man jeden Tag eine ganze Flasche Wein trinken, um dieses Monster leer zu kriegen. Um Masse geht es bei Elena Walch aber schon lange nicht mehr. Die ehemaligen Betonfässer zieren nur noch einige Wände der Keller, in denen heute überwiegend kleine Holzfässer lagern. Auf ihren 60 Hektar produziert die Linie Elena Walch 550.000 Flaschen, die historische Linie Wilhelm Walch hingegen 600.000. Internen Konkurrenzkampf gebe es keinen, meint Julia und lacht. Die Philosophie hinter den beiden Linien sei jeweils unterschiedlich: Während Elena Walch eher auf Innovation, kleine Partien und Einsatz auf dem Holz setzt, steht bei Wilhelm Walch die Tradition und die jahrelange Verbindung zu denselben Weinbauern im Vordergrund.

Von Betonfässern sieht man nur noch die Überreste

Von Betonfässern sieht man nur noch die Überreste

Im nächsten Keller-Stock stehen Stahltanks, in denen verschiedene Versuche mit denselben Weinen durchgeführt werden. „Man muss immer einen Schritt voraus sein und nicht erst reagieren, wenn es zu spät ist“, meint Julia – wohl ganz im Sinne ihrer Mutter. Sowohl die Ausrichtung des Weinguts, als auch die Höhe, der Boden, das Klima, die Rebsorten und natürlich die Arbeit darin spielen am Ende eine beträchtliche Rolle für das Ergebnis. Nachhaltig mit dem Weingut umzugehen, stehe daher immer an erster Stelle. Es werden nicht nur Einsaaten mit Leguminosen oder Senf gemacht, um entzogenen Stickstoff an den Bozen zurückzugeben, sondern auch eigener Kompost produziert und eingearbeitet. Was heute als nachhaltig gilt, sei zu Zeiten ihrer Vorfahren wohl ganz normal gewesen, meint Julia, die bereits zur fünften Generation dieses Weinguts zählt. Als sie noch klein war, lag ihr Kinderzimmer genau über dem Barrique-Keller, durch den sie als nächstes führt. Die Fässer, in denen hier der Wein lagert, stammen überwiegend von französischen Tonneliers. Ihr Handwerk habe ebenso wie alle vorhergehenden Arbeits-Schritte einen wichtigen Einfluss auf das Endprodukt, erklärt Julia und führt wieder hinaus ins Freie.

Neueste Technik im jüngsten Keller

Neueste Technik im jüngsten Keller

Als letztes folgt noch ein Abstecher in den neuesten Keller. Überwiegend aus Edelstahl gebaut, ist dieser ein krasser Kontrast zu den alten, aus Stein gebauten Weinkellern. Wenn diese noch vom typisch feucht-traubigen Duft gefüllt waren, kann man hier kaum noch Wein in der Luft erkennen. „Auf drei Ebenen gebaut, arbeiten wir in diesem Keller mit der Schwerkraft, um die Schale der Trauben unbeschädigt ins Fass zu bringen“, erklärt die Junior-Chefin. Dies sorge für ein besonders fruchtiges Aroma der Riserva-Weine. Sieht man Julia wild gestikulierend und mit strahlenden Augen inmitten der Weinfässer stehen, versteht man, warum der Schnitt der grünen Trauben für Elena Walch vor 30 Jahren jede Sünde wert war.

Mehr Informationen zum Weingut Elena Walch

Text von Lisa Maria Kager

web compusol, diewanderer