Südtirol Balance: Die Natur, unser Lehrer

Alberto Fostini hat sein halbes Leben in der Natur verbracht. Was er von ihr gelernt hat, gibt er nun im Rahmen von Südtirol Balance an Interessierte weiter. Wir waren mit ihm auf der geführten Kräuterwanderung rund um Tramin.

In großen Schritten stapft Alberto Fostini über Tramins Wanderwege. Er trägt schwere Bergschuhe und auf seinem Rücken einen großen Wanderrucksack, sein Blick ist stets aufmerksam auf den Boden gerichtet. Dort wachsen schließlich die wertvollen Kräuter, die wir heute suchen. Es ist ein heißer Tag für den Monat April, doch das scheint dem Naturfreund nichts auszumachen. Bis Ende Juni führt er einmal in der Woche neugierige Wanderer wie uns durch die Natur rund um Tramin und teilt dabei das Wissen, das er sich im Laufe seines Lebens angeeignet hat. Von den Kräutern über den Wald bis hin zur Geologie ist das so viel, dass man am besten ein ganzes Heft zum Mitschreiben im Wanderrucksack mit dabei hat.

Alberto Fostini erklärt unter atemberaubendem Panorama

Alberto Fostini erklärt unter atemberaubendem Panorama

Obwohl ihm der Schweiß schon auf der Stirn steht, peilt Alberto vom Dorfzentrum in Tramin aus zielstrebig eine Etappe nach der nächsten an. „Wir alle wollen in unserem Leben auf die Spitze des Berges, doch um da hoch zu kommen, müssen wir von ganz unten anfangen, immer wieder“, sagt er und grinst. Dann bückt er sich und zupft einige rosarote Blüten vom Wegesrand. Der Rotklee ist nicht nur eine schöne Dekoration für Wildkräutersalate, sondern wird auch als Aphrodisiakum verwendet. Er reicht die kleinen Blüten Evelyn, die sie in einem beigen Jutebeutel verschwinden lässt. Gemeinsam mit mir und zwei anderen, italienischsprachigen Gästen wandert die Schweizerin heute mit, um ihr Wissen zu erweitern. Zu Hause in St. Gallen arbeitet sie als Homöopathin und ist bereits nach der ersten halben Stunde völlig überwältigt von Albertos Vorträgen.

„Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.“

Der Kirchsteig in Tramin

Der Kirchsteig in Tramin

Über den Kirchsteig wandern wir unter Albertos Führung durch Tramins Weinreben hinauf in Richtung Wald. In unserem Jutebeutel landen Spitzwegerich, Wiesensalbei, rote Taubnesseln, Persischer Ehrenpreis, Erdrauch, Glaskraut, Beifuss und einige Schlüsselblumen. Jedes Mal, wenn Alberto sich zu einer der bunten Blüten nach unten bückt, erzählt er schon die passende Geschichte dazu. Heilwirkungen, Mythologie, Botanik und Selbsterfahrung mischt er gekonnt in kleine Vorträge, die nebenbei zu willkommenen Verschnaufpausen für uns werden.

Die Sonne strahlt ihm ins Gesicht, als er mit einem Hirtentäschel in der Hand Hippokrates zitiert: „Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.“ Eine Weisheit, die sich auch der Kalterer seit über 30 Jahren zu Herzen nimmt. Dass die Natur unser größter Lehrer ist, hat Alberto schon seit Langem verstanden und hat auch seine Frau und seine zwei Kinder auf diesen Lebensweg mitgenommen. Indem er seine Ernährung dem Rhythmus der Natur angepasst hat, hat sich auch sein Körper verändert. Er fühle sich heute gesund, vital und ausgeglichen. Wann er das letzte Mal ein Medikament zu sich genommen hat, daran kann sich Alberto gar nicht mehr erinnern.

„Die Quecke hier ist eigentlich ein Unkraut“, sagt der Profi, als er sich das nächste Mal bückt und reist ein Büschel Gras vom Boden. „Dabei enthält sie einen Haufen Vitamine, Mineralien und Kohlenhydrate und wurde früher sogar unters Mehl gemischt.“ Immer wieder wechselt er fließend von einer Sprache in die andere und erklärt jedem genau das, was er braucht und wissen will.

Weil Alberto vor seiner Pensionierung als Forstinspektor gearbeitet hat, kennt er sich auch mit Bäumen und Sträuchern hervorragend aus. Bevor wir den Wald überhaupt erreichen, haben wir bereits Rosskastanie, Weißdorn, Lorbeer, wilde Kirschen und die Blumenesche identifiziert. Unter der letzten machen wir eine kurze Trinkpause.

Blüte der Blumenesche

Blüte der Blumenesche

Mit seinen rauen Händen zupft Alberto einige der feinen, weißen Blüten ab und lässt uns daran riechen. Dann erklärt er die Produktion von „Manna“, einem Zuckerersatz, der aus dem Baum gewonnen wird: „In den heißesten Tagen vom Juli und August ritzt man in bestimmten Gegenden von Kalabrien und Griechenland die Rinde der Blumenesche an, um den Saft des Baumes herauslaufen zu lassen. In der Sonne kristallisiert dieser dann zu einer Art Zucker.“ In der Vordertasche seines Rucksacks hat Alberto ein kleines Stück „Manna“ mitgebracht und schneidet mit seinem Taschenmesser für jeden von uns ein paar Krümel zum Probieren ab. Der Geschmack erinnert etwas an Traubenzucker, ist aber viel feiner. Weil die Produktion weltweit nur noch sehr gering ist, kann ein Kilogramm dieses Süßungsmittels schnell mal an die 170 Euro kosten.

Geschichte leben

Geschichte leben

Mit der kleinen Stärkung geht es in der prallen Sonne zwar etwas leichter bergauf, im Schatten des Waldes angekommen bin ich dann aber doch froh um die nächste kurze Pause. Wir stehen am Anfang von Tramins Geoweg direkt neben dem Flussbett unter einer meterhohen Wand. Hier reihen sich die Gesteinsschichten vom Porphyr über den Sandstein bis zum Kalk und schreiben 250 Millionen Jahre Geschichte in den verschiedensten Farben. Sprachlos bin ich nun nicht nur wegen der Hitze oder Albertos breitem Wissen, sondern auch wegen der Natur, die mich mit ihrer Gewalt immer wieder zum Staunen bringt. Bald, verspricht Alberto, gebe es auche eine Abkühlung.

Alberto in seinem Element

Alberto in seinem Element

Unser Weg führt auf weichem Waldboden weiter in die Höhe. Die Vegetation hier ist ziemlich anders als in der sonnigen Tallage. Den giftigen Schachtelhalm lassen wir stehen, genauso wie die Schmerwurz mit ihren herzförmigen Blättern, wilder Hopfen, Wegwarte und der Waldgeißbart wandern hingegen in Evelyns Jutebeutel. „Barba die capra schmeckt wie eine wilde Spargel, oder nein, eigentlich sogar besser“, meint Alberto, „ein Wildgemüse, das ich schon als kleiner Junge mit meinem Vater im Wald gesucht habe.“

„In der Natur vergisst man alles. Jedes Problem scheint einfach verpufft, nicht wahr?“

Wo die hölzernen Wegweiser zur Zogglerwiese führen, biegen wir links ab und erreichen schon bald den rauschenden Fluss. Ich stecke meine heißen Füße ins eiskalte Wasser und fühle wie das Leben wieder durch mich fließt. Alberto macht es mir nach und wir trinken beide vom köstlichen Quellwasser, das seinen Weg in all seiner Frische von den Bergen bis zu uns geschafft hat. Dann folgt der Endspurt über einen schmalen und steilen Waldsteig, der in einer Lichtung und schließlich auf den Zogglerwiesen endet. Auf 685 Metern Meereshöhe reicht der Blick über Südtirols Süden und über den Dofkern von Tramin hinweg bis zum Weißhorn.

Hier steht man wahrlich über den Dingen. „In der Natur vergisst man alles. Jedes Problem scheint einfach verpufft, nicht wahr?“, meint Alberto und muss grinsen. Er führt uns zu einer kleinen Holzhütte am Rande der Wiese, wo wir gemeinsam die gesammelten Blätter und bunten Blüten aus Evelyns Jutebeutel kleinzupfen und mit Quark vermischen. Alberto spachtelt den Aufstrich auf mitgebrachtes Brot und wir genießen unser wohl verdientes Mittagsmahl direkt aus der Natur. Obwohl ohne Salz oder Pfeffer schmecken die Kräuter doch reichlich würzig und frisch; einfach köstlich! „Sieben Sterne“, meint Alberto und beißt beherzt in eines der bunten Kräuterbrötchen. Die Spitze des Berges haben wir für heute erreicht und peilen nach einer kurzen Verdauungspause den gemeinsamen Rückweg an.

“Gesund durch die Kraft der Natur” mit Alberto Fostini:

  • Jeden Dienstag im April, Mai und Juni von 10.00 – ca. 15.00 Uhr
  • Kosten: 10 €
  • Anmeldung bis Montag um 18.00 Uhr im Tourismusbüro unter +39 0471 860131 oder per E-Mail unter info@tramin.com 
  • mitzubringen: Wanderschuhe, Trinkflasche und viel Lust auf neues Wissen!

Text von Lisa Maria Kager

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