Auf Dorfführung: Tramin ganz intim

10.000 Besucher zum Faschingsumzug, 100 Bauernhöfe, 11 Kellereien und den höchsten Kirchturm von ganz Südtirol. Wie viel wussten Sie eigentlich über Tramin?

Der Mittelpunkt der Welt befindet sich in Tramin. Darüber muss sogar Jürgen Geier schmunzeln. Der quirlige, junge Traminer leitet heute die Führung durch sein Heimatdorf. Obwohl er im normalen Leben eigentlich als Sommelier in der Kellerei Tramin arbeitet, trumpft er mit ganz schön viel Geschichtswissen auf. „Der Nullmeridian der Erde zieht sich bekanntlich durch Greenwich bei London, aber der Nullmeridian des Weines verläuft durch Tramin“, meint er und fährt mit gestrecktem Zeigefinger einmal die Linie am Boden des Rathausplatzes nach. Hier, direkt unterm Kirchturm, findet man sich einmal in der Woche zusammen, wenn man neugierig auf die Geschichte und Gegenwart Tramins ist.

5.000 Jahre soll das kleine Bauerndorf Tramin an der Südtiroler Weinstraße bereits auf dem Buckel haben. Damals als der Wald noch bis in die Talsohle reichte, zog sich die alte Römerstraße von hier aus über die Alpen bis nach Augsburg. Eine Verbindung, die nicht nur den Römern zum Transport diente, sondern im Weingeschäft teilweise sogar noch bis heute besteht. Aus einer kleinen Römersiedlung wurde schnell ein kleines Dorf. „Es schien gar so als würde Tramin bald eine Stadt werden“, meint Jürgen mit hochgerissenen Augenbrauen. Doch die Geldmittel wurden zu knapp, um den stolzen Traminern diesen Traum zu erfüllen. Eine Enttäuschung, die sie wohl mit prunkvollen Bauten wieder ausgeglichen haben. Bei genauerem hinschauen strotzt Tramin nur so an Schönheit.

87 Meter ragt der Kirchturm aus Sandstein über unsere Köpfe und ist damit der größte im ganzen Land. Schwer zu fassen, dass dieses Kunstwerk vor 500 Jahren in reiner Handarbeit aufgebaut wurde. Für die Kirche selbst reichte das Geld dann aber wieder nicht aus. So stand bis vor 100 Jahren neben dem höchsten Kirchturm die kleinste Kirche Südtirols. Noch heute kann man im Inneren des aktuellen Kirchenbaus die gut erhaltenen Fresken begutachten, die in der ehemaligen Kirche den armen Leuten des Dorfes die Geschichten aus der Bibel erzählten. Schreiben und lesen konnten schließlich die wenigsten.

Geamor mol oi in Keller

Einmal über die Straße führt Jürgen dann in die älteste von elf Kellereien in Tramin. Seit sieben Generationen ist das Weingut A. Von Elzenbaum im Besitz der selben Familie. Und in etwa genauso lang sammelt die Familie alte Gerätschaften zur Weinverarbeitung. Allein im gemütlichen Innenhof stehen vier Traubenpressen aus unterschiedlichen Zeitaltern. „Geamor mol oi in Keller“, sagt Jürgen schließlich und erklärt, dass dies in Traminer Häusern die wohl am öftesten ausgesprochene Einladung sei. Einen schönen, alten Keller hat nämlich so gut wie jeder. In dem der Familie Von Elzenbaum stehen mit 40.000 Litern die wohl größten erhaltenen Fässer des Dorfes. Es duftet nach Wein und das düstere Licht schafft in den schmalen Gängen eine besondere Atmosphäre.

Jürgen erinnert sich noch daran, wie er als Schuljunge in den Sommerferien zum Putzen in die großen Betonfässer krabbeln musste. Seit dem Umdenken auf Qualität im Südtiroler Weinbau müsse diesen Sommerjob wohl niemand mehr machen. Nun kellert man in kleinen Fässern ein. 60 Millionen Liter Wein pro Jahr werden in ganz Südtirol produziert. Schwer zu glauben, dass das bloß ein Prozent der gesamtitalienischen Produktion ist.

Wieder im Freien angekommen, führt Jürgen zum witzigen Monument im oberen Teil des Rathausplatzes. Dort hängt der wohl beleibte Egetmann Hansl in seinem Frack auf dem Rücken eines alten Weibchens und wird von einem Wudele bewacht. Seit 400 Jahren feiert der gute Mann seine Bauernhochzeit mit einem Faschingszug durch die historische Dorfstraße und lädt dabei alle Stände Tramins zum Feiern ein. „Eine ganze Geschichte wird jedes zweite Jahr am Faschingsdienstag beim quasi weltbekannten Egetmannumzug nachgespielt“, erklärt Jürgen stolz und empfiehlt, sich das Spektakel zumindest einmal im Leben anzusehen. Natürlich ist auch er Teil dieses verrückten Geschehens. 10.000 Besucher zählte man nur im vergangenen Jahr.

Über die Schneckenthalerstraße geht es weiter in den ältesten Dorfteil Tramins, nach Betlehem. Jürgen verrät die Legende hinter diesem famosen Namen und führt in einen beeindruckenden Innenhof. Hier sind die Häuser an die 700 Jahre alt, jedoch noch wunderbar erhalten. Immer wieder wurde das Dorf von Überschwemmungen eingeholt, Straßen mussten deshalb immer wieder neu gelegt werden. Wenn man heute ein altes Traminer Bauernhaus betritt, muss man deshalb vom Eingang aus über Treppen ein bis zwei Meter tiefer steigen.

Nicht so beim alten Rynnhof, der jüngsten Kellerei des Dorfes. Dieser liegt bereits etwas weiter oben auf dem Hügel. In liebevoller Detailarbeit wurde hier ein Hofladen eingerichtet, in dem alt und neu nahtlos verschmelzen. Während ich durch eine kleine Fensterscheibe im Boden einen Stock tiefer in den alten Keller stiere, erzählt Jürgen bereits etwas über das nächste Ziel: „Der Hügel von Kastelaz mit seiner Kirche ist unser Wahrzeichen“, meint er. Vor 800 Jahren soll dort noch eine alte Burg gestanden haben. Ihre Kapelle, St. Jakob in Kastelaz, ist heute noch erhalten und wird mit seinem Patron an jedem 25. Juli gefeiert. Von den 5 Kapellen im Dorf ist diese die älteste. Fabelwesen, der Riese Goliath und die acht Todsünden sollen auf ihren Wänden herumspuken.

Mit Blick über das Dorf führt die Schneckenthalerstraße durch schmale Gassen an einem alten Maulbeerbaum vorbei durch das Obere Tor und schließlich direkt zum Hügel von Kastelaz. Es scheint so als hätten sich die ehemaligen Burgherren den schönsten Platz im Dorf ausgesucht. Der Blick über die Talsohle garantiert, Weiß- und Schwarzhorn zum Greifen nah. Das Innere der Kirche lässt staunen und motiviert den Geschichtenerzähler Jürgen noch einmal in seine Welt einzutauchen. Den Fabeln der Vergangenheit könnte man auch stundenlang lauschen.

Mehr Informationen zur wöchentlichen Dorffführung in Tramin finden Sie hier.

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